Ein Goldfisch im Ozean


... versucht zu schwimmen

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In einem Taxi nach Paris

Posted at 01:49 PM on 2007-02-03

"Wir wollen heute auf eine Party, aber wir wissen noch nicht wie wir hinkommen."

"Hat niemand von euch ein Auto?"

Was für eine blöde Frage. Selbst wenn jemand ein Auto hätte. Als ob jemand aus der Clique auf Alk verzichten würde.

"Nein, leider nicht."

Ich schaue auf der Karte nach und finde den Ort gar nicht. Gehört habe ich davon schon, nur wo ist er, wenn man ihn mal braucht? Oh! Da! Na super... weiter weg vom nächsten Bahnhof ging es wirklich nicht.

"Das sieht nicht so aus als ob ihr da ohne Auto hinkommt!"

"Tja wir werden wohl mit dem Zug fahren, umsteigen und dann die restlichen 12 km mit dem Taxi!"

Klasse. 6 Leute verteilt auf 2 Taxis plus Zug. So gut kann doch keine normale Party sein, dass sich dieser Aufwand lohnt. Eintritt 5 Euro, Reisekosten 20 pro Nase. Getränke nicht mit einberechnet.

"Was für Musik läuft dort?"

"Trance."

Ich verkneife mir sämtliche Ausrufe von Entsetztheit.

"Das ist ja mal gar nichts für mich.", erlaube ich mir trotzdem zu bemerken.

Wir unterhalten uns nun schon eine geschlagene halbe Stunde über diese Party. Ich lehne mich gemütlich in meinen geerbten Chefsessel zurück, wippe mit dem Stift in meiner Hand auf und ab und drehe mich spielerisch nach links und nach rechts. Ein bisschen genieße ich diese halbe Verzweiflung, dass die Party, auf die sie sich so freuen, dermaßen Probleme bereitet. Doch ich erinnere mich auch zurück, als ich so alt war und mir mit meinen autolosen Freundinnen halbe Lungenentzündungen eingefangen habe, weil wir nach Partyende auf zugigen Bahnhöfen auf den ersten Zug am frühen Morgen gewartet haben.

"Willst du gar nicht wissen, was ich heute noch mache?" frage ich.

"Doch natürlich. Erzähl!"

"Ich fahr euch hin."

"Was? Wie meinst du das?"

"Ich borg mir den Minibus von meinem Vater aus."

"Sylvie du bist ein...."

"Schatz? Ich weiß. Und ihr gebt mir 20 Euro für den Sprit, spendiert mir eine Cola und irgendjemand von euch bringt mir eine Thermoskanne mit starkem Kaffee mit."

"Ich werde dir ganz leckeren Kaffee kochen! Aber warum tust du das?"

"Benny wir kennen uns seit anderthalb Jahren über den Messenger, ich will dich endlich mal kennenlernen. Und außerdem brauche ich noch ein bisschen mehr Fahrpraxis."

 

Nein ich bin nicht aufgeregt. Ich trommle nur vor lauter Nervosität auf dem Lenkrad herum, als ich an der roten Ampel warten muss. Diese Rotphase dauert mir entschieden zu lange. Vor mir liegt noch ein ganzes Stück Bundesstraße und ich möchte ungern zu spät kommen. Ob ich die passende Kleidung ausgewählt habe? Ob ich zu sehr auf jung gestylt aussehe? Das Außenthermometer zeigt 3 Grad über Null. Meine Beine stecken in schwarzen, undurchsichtigen Strumpfhosen. Aus den wadenhohen Schnürstiefeln schauen noch die ebenfalls schwarzen Stulpen. Der kurze dunkelblaue Jeansrock sitzt bequem auf der Hüfte. Auf einen Gürtel habe ich verzichtet, der piekt bei der Fahrerei zu sehr in den Bauch. Seit Jahren bewahre ich ein weißes Top im Schrank auf. Heute wird es premierenvorgeführt. Darüber trage ich einen schwarzen Pullover, der mir eigentlich 3 Nummern zu groß ist, aber durch den breiten Ausschnitt superschön lässig etwas von der Schulter rutscht und den Blick auf das weiße Top freigibt. Vielleicht hätte ich doch eine Jeanshose anziehen sollen. Auf mich warten 5 Jungs und ein Mädel und ich möchte mich weder mit ihr outfitmäßig duellieren noch möchte ich den Jungs Anlass zu zweideutigen Bemerkungen geben.

 

Ich freue mich auf Benny. Endlich lerne ich ihn kennen. Wer wohl alles mitkommt? Das habe ich ihn gar nicht gefragt. Zwei seiner Freunde kenne ich, einer davon ist mein Ex. Noch wenige Meter bis zum Parkplatz des Supermarktes, wo wir uns treffen wollen. Da vorn taucht die Leuchtreklame des Marktes auf. Ich setze den Blinker und biege auf den Parkplatz ein. Mir wird etwas mulmig. 6 Leute, die sich kennen. 6 Leute, die ich nicht kenne. Im Prinzip haben wir nichts gemeinsam. Worüber soll ich mich mit ihnen unterhalten? Sie stehen am Eingang und rauchen. Ja macht nur, denn im Auto lass ich euch nicht qualmen. Noch einmal tief durchatmen, dann stelle ich den Motor ab und springe aus dem Bus. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich ganz gut mit dem Fahrzeug zurecht gekommen bin. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich ziehe mir im Schutze des Busses noch einmal meinen Rock zurecht und laufe um  das Fahrzeug herum. Jemand kommt mir entgegen, das muss Benny sein.

"Hey Sylvie!"

Wow, er hat eine tolle, leicht rauchrig-tiefe Stimme. Als ich mir vorstelle in seinen Armen zu liegen und mit geschlossenen Augen seinen Worten zu lauschen, wird mir ein wenig warm ums Herz. Mein Lächeln ist eine jahrelang erprobte Mischung der Adjektive zuckersüß, verführerisch, naiv und erotisch. Mein Lächeln wird ihn umhauen, da bin ich mir sicher. So lange habe ich mich nach einer Umarmung gesehnt, jetzt nutze ich einfach die Gunst der Stunde. Ohne zu wissen, ob das anwesende Mädel seine Freundin ist oder nicht, umschlinge ich Bennys Hals mit beiden Armen und ziehe ihn ganz fest an mich heran.

"Hi Süßer..."

Ich spüre seine Hände um meinen Schultern und um meiner Taille. Oh bitte liebe Zeit, gefriere jetzt ein! Lass mich diesen Moment ein wenig auskosten! Benny drückt mir ein Bussi auf die Wange.

"Danke Sylvie, dass du mitkommst. Mit dem Zug wäre es wirklich total umständlich geworden."

Benny lässt eine Hand auf meinem Rücken und schiebt mich zu seinen Freunden hin. Ich spüre, dass sie mich mustern und mir auf die Beine schauen. Soll ich mich jetzt geschmeichelt fühlen? Nein. Ich mache es so wie immer. Ich fühle mich unsicher und denke an die Jeans, die zu Hause auf dem Bett liegt.

Als erstes fällt mir das sommerlich gekleidete Mädel auf. Aufgrund ihres Minikleides und der nackten Beine bin ich dafür, dass wir die Fahrt sehr schnell aufnehmen, damit sich das arme Ding keine Erkältung einfängt. Warum so ein Auftritt sein muss, will mir nicht in den Kopf. Um die Jungs zu beeindrucken? Ich finde ihr Outfit leicht nuttig, aber vielleicht bin ich einfach schon zu alt und zu uncool. Hoffentlich hat Benny nicht verkündet, dass ich 10 Jahre älter bin. Beim Make Up habe ich mir dieses Mal besonders viel Mühe gegeben.

Meine Augen bleiben an einem der jungen Männer kleben. Er sieht umwerfend aus. Groß, sportlich, kurze, nach oben gegelte Haare, weiche Gesichtszüge, sanfte Augen, eins davon gekrönt mit einem Piercing und ein Mund, den ich am liebsten sofort geküsst hätte. Ist das einer von diesen ominösen, magischen Momenten, in denen man sich Hals über Kopf in jemanden verguckt? Meine Augen glitzern.

"Bist du nicht ein wenig zu alt für so eine Party?"

Die Stimme, die meinen Flug auf der rosaroten Wolke gerade unsanft unterbricht, kommt mir bekannt vor. Sie gehört zu Levin. Ich bin nicht sonderlich erbaut auf meinen Ex zu treffen. Er hatte mich damals nach unserer ersten gemeinsamen Nacht vor die Tür gesetzt, weil er meine Leistung als nicht zirkusreif empfand. Er wollte Action, ich Romantik. Wenn zwei Welten aufeinander prallen, kommt es zum Crash. Ich ziehe die linke Augenbraue hoch und bemühe mich um ein freundliches Lächeln, das ich meinem "Hallo." anschließe. Levin reagiert nicht weiter. Ich bin mir sicher, er wird mir den Abend ruinieren. Ich bin bedient.

 

"Wollen wir? Es ist so kalt hier draußen. Einer von euch muss als Beifahrer herhalten und mir sagen, wo ich langfahren muss."

Benny opfert sich. Das freut mich. Er sieht stark aus und ich fühle mich wohl neben ihm. Im Falle eines Falles würde er mich beschützen, da bin ich mir sicher. Er hat den Atlas aufgeschlagen, um mit mir die Fahrstrecke abzustimmen. Da ich nur indirekt nicht schüchtern bin, lehne ich mich etwas weiter hinüber als nötig wäre. Im Nacken spüre ich Bennys warmen Atem. Dann lasse ich den Motor an.

Wir haben die Stadt noch nicht verlassen, da habe ich schon katalogisiert, was mich an diesem Abend stören würde. Da wären Levins feindlich-ignorierendes Verhalten und die Angst, er würde mich bloßstellen. Da wäre außerdem, dass das Mädel die Freundin des Schnuckels ist. Und da wäre, dass das Mädel mit seinen widerkäuenden Mundbewegungen, deren Ursache ein Kaugummi ist, und der leicht hysterisch-kreischenden Stimme sich die ganze Zeit über von den 5 Herren feiern lassen würde. Ich drehe die Heizung hoch. Auch wenn ich sie nicht mag, ich möchte nicht für ihre Lungenentzündung verantwortlich sein.

 

"Kannst du bitte die Zigarette ausmachen?" Über den Rückspiegel werfe ich Levin einen Blick zu.

"Wie bist du denn drauf, darf man sich bei dir noch nicht mal eine anzünden?"

Miss Kaugummi scheint auf Levin zu stehen, denn sie pflichtet ihm bei. Mir wird klar, dass es keine gute Idee war mich als Taxi anzubieten. Soll ich mich auf eine Diskussion einlassen? Er soll froh sein, dass er seinen kleinen Arsch warm und bequem ans avisierte Ziel und wieder zurück bis vor die Haustür bekommt.

"Wir könnten dann eine Pause machen, ich müsste eh noch tanken."

So ein klitzekleines bisschen komme ich mir gerade wie die Mutti der Sippe vor. 10 Jahre Altersunterschied. Ob ich mich damals auch so verhalten habe? Benny lotst mich an dem ersten Richtungsschilderwirrwarr vorbei. Wenn ich nicht so schüchtern wäre und keine Komplexe wegen den 10 Jahren hätte, würde ich mir einen der Jungs schnappen. Noch immer rätsele ich, zu wem Miss Kaugummi gehören mag. Wer von den Herren sieht so aus als ob er sich mit so einem Billigflittchen brüstet? Ich habe Glück, dass ich mich meinen Gedanken hingeben kann. Die Clique diskutiert bunt durcheinander. Alles verstehe ich inhaltlich nicht, aber ich bin mir sicher, dass manche Dinge auch nicht für meine Ohren geeignet sind und deshalb absichtlich codiert werden.

 

Ein kleiner Zeiger auf meinem Armaturenbrett weist mich dezent darauf hin, dass die nächste Tanke angesteuert werden sollte. Wie ich tanken liebe. Jedes Mal bin ich froh, wenn ich nicht allein tanken fahren muss und jemanden habe, der das für mich übernimmt. Jetzt muss ich mich zusammen reißen. Wie sieht das denn aus, wenn ich jemanden bitte mir behilflich zu sein? Miss Kaugummi lässt alle im Bus wissen, dass sie ganz dringend die Örtlichkeiten aufsuchen muss.

Ich sende ein Dankeschön gen Himmel, dass sich niemand darum kümmert, wie ich mit der Zapfsäule kämpfe. Beim bezahlen überlege ich, ob ich mir Nervennahrung in Form eines Schokoriegels mitnehme. Nach einem Duell zwischen dem Engelchen und dem Teufelchen in meinem Kopf entscheide ich mich für nein. Es könnte mich schließlich jemand auf die Kalorien ansprechen und darauf, dass ich zu dick sei. Im Vergleich zu Miss Kaugummi komme ich mir tatsächlich fett vor und ich war schon nahe dran die nächste Diät auszutüfteln.

Mit vorn verschränkten Armen und leicht verkrampfter Haltung stelle ich mich zur Rauchergruppe.

"Kalt?"

Als ich Seite blicke, schaue ich direkt in diese sanften Augen. Wie schnell kann man süchtig werden? Er hat mit mir gesprochen! Ich fühle mich wie 14 und zum ersten Mal verliebt. Wie er wohl heißt? Außer Levin und Benny weiß ich gar keine Namen, fällt mir in diesem Augenblick ein. Miss Kaugummi wird Maggie genannt, doch ob das ihr richtiger Name ist, wage ich zu bezweifeln. Soll ich einfach fragem wie er heißt oder hoffe ich darauf, dass sein Name im Laufe des Abend noch zufällig fällt? Was wenn nicht, was wenn ich mich irgendwann verabschiede und nicht mal weiß, ob er einen schönen Namen hat oder unter einem Sammelbegriff zu verbuchen ist?

"Sylvie, Benny, Maggie, Levin... und du?" Ich habe es gewagt.

"Etienne." Dieser Mund! Dieses Lächeln! Sylvie reiß dich zusammen! Ich könnte vor Freude im Dreieck springen. Etienne heißt er.

"Ich habe noch nie jemanden getroffen, der..."

Wir werden unterbrochen. Miss Kaugummi scheint nicht nur an Levin interessiert zu sein, sondern auch an Etienne, denn sie hakt sich demonstrativ bei ihm unter und schaut mich herausfordernd an. Sobald sie merkt, dass es mit meinem Selbstbewusstsein nicht weit her ist, habe ich verloren. Ich darf mir nichts anmerken lassen.

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